Eindrücke aus Oradea

Dieser Bericht stammt von Daniel Dorsch. Er war 2003 Zivildienstleistender im Bildungshaus in Oradea. Der Text entstand etwa 2 Monate nach Beginn seiner Tätigkeit im Bildungshaus.
Eine der reichsten Städte in Rumänien: Wenn man in die Stadt hineinkommt, sieht man zuerst die Industrie, baufällige Anlagen, die aussehen wie von Krieg geschädigt. Man kann kaum glauben, dass in den Fabriken überhaupt noch etwas läuft. Die Fenster sind zertrümmert, die Zufahrtsstrassen schlecht, aber trotzdem fährt eine überfüllte Strassenbahn hin. Viele Gebäude sind in einem schlechten Zustand und benötigen dringendst eine Renovierung.

Von innen sehen die Gebäude anders aus, vor allem die Privatwohnungen sind relativ schön eingerichtet, alles ein wenig biedermeierhaft, auch wenn man oft Armut sieht (Löcher im Putz, kaputte Wasserhähne und oft ein wenig Kitsch). Man kann eigentlich gut leben, denn die Agrarprodukte sind billig, ein Brot kostet etwa 12000 Lei, was ca. 30 Cent sind. Viele Leute haben einen kleinen Garten, wo sie selbst etwas anpflanzen oder Verwandte auf dem Land, von denen sie Lebensmittel beziehen.

Aber ein Arzt verdient im Monat ca. 70 Euro, ein Lehrer ähnlich, also sehr wenig. Es reicht gerade zum Nötigsten und daher müssen in praktisch allen Familien Mann und Frau arbeiten, Doppelverdiener sind die Normalität. Es ist nicht so, dass gar keine Hoffnung bestünde, denn die Menschen hier sind Meister der Improvisation in Sachen Geldverdienen und überleben.

Man verkauft hier alles, was sich nur zu Geld machen lässt, ein gutes Beispiel ist der sonntägliche Floh- oder was weiss ich – Markt: Hier kann man alles kaufen, Kuriositäten wie eine Geige mit angeschraubter Trompete, Elektroschrott aus Computern und Radios, einzelne Schrauben, Nägel und ähnliches Zeug, Plastiktüten, Schnitzereien, Lebensmittel, Automotoren, Teppichboden, Stühle, Medikamente, Bücher, Ziegelsteine, Blech, Telefone, Kleidung, Tiere… wahrscheinlich auch Waffen, Menschen und Drogen. Alles erinnert an so einen orientalischen Basar in einer romantischen Geschichte, es stinkt und duftet auch so und es sind unendlich viele Leute unterwegs, nur ist überhaupt nichts romantisch, da die Menschen die Ware verkaufen müssen, um an ein bisschen mehr Geld zu kommen.

In der Stadt findet man an allen Ecken und Enden kleine Supermärkte, fliegende Händler, sogar im ehrwürdigen Bau des Stadttheaters sind Kioske und Läden. Alles wird verkauft, was nicht niet- und nagelfest ist und zwar so teuer wie möglich. Da gibt es in manchen Läden ein verrücktes Verkaufssystem, man zeigt einem Ladenbediensteten die gewünschten Waren. Der schreibt einen Zettel, mit dem man zur Kasse gehen und bezahlen muss. Danach bekommt man wieder einen Zettel und kann damit die Ware im Verkaufsraum zusammensuchen. An der Türe wird dann noch einmal alles überprüft mit Stempel oder Unterschrift auf der Rechnung. Allerdings gibt die Diebstahlquote in den Geschäften den Inhabern sicher Recht. Ich wurde jedoch nie beklaut (nur bei einem Ausflug in Wien!!!) und hatte nie Angst vor Überfall etc. Gut, dass ich einen ungarischen Supermarkt ohne verwirrende Geschäftsmethoden gefunden habe und indem ich mich nicht mit rumänisch herumschlagen brauche, das kann ich ja immer noch nicht oder ich müsste mir mit wenigen Brocken Lateinisch, Italienisch, Rumänisch, und Händen und Füssen behelfen.

Damit sind wir bei der leidigen aber interessanten Geschichte mit den Nationalitäten angelangt. Die Stadt ist im Zentrum baulich habsburgisch-ungarisch geprägt. Die Schilder, Strassennamen und Tafeln sind zu 99% auf Rumänisch. Wer sich ein bisschen auskennt, kommt ohne Rumänisch auch zurecht, denn es gibt ungarische Taxiunternehmen, Geschäfte, Ärzte, Restaurants, Zeitungen, Radiosender, auch Theaterstücke, sind oft auf Ungarisch. Die Ungaren gehen grösstenteils nur zu diesen Unternehmen. Schwieriger ist es, mit Deutsch weiterzukommen, aber auch das geht mit ein bisschen Hilfe. Und fast alle Leute sind sehr hilfsbereit, freundlich und offen, wohingegen mir viele Deutsche in dieser Beziehung unsagbar dumm und feindselig vorkommen.

Nur politisch sollte man sich als Ausländer anfangs weder zu weit aus dem Fenster lehnen, noch sich zu sehr auf eine Seite stellen, sondern am besten nur zuhören. Meistens geht es darum, wer das Recht hat, über Transsilvanien [Siebenbürgen] zu herrschen. Die Rumänen glauben, die Ungaren hätten sie jahrhundertelang unterdrückt, sie hätten nur ihr Land zurückgeholt. Die Ungarn meinen, sie hätten die Rumänen jahrhundertelang nur als unzivilisierte Schafhirten gekannt, die jetzt versuchen, die ungarische Kultur kaputtzumachen. Die Deutschstämmigen (Schwaben und Sachsen) sagen entweder, beide Parteien hätten recht, würden aber übertreiben, oder schliessen sich einer Partei an. Soviel zum Nationalismus.

Alle beklagen sich über die Politik des Landes und sie haben durchaus Recht, denn der rumänische Staat liebt ein Volk nicht sehr. Wer reich ist, hat keine Probleme, aber der Mittelstand und die Ärmeren werden vom Staat ausgebeutet. Viele Gesetze sind nur zur Schikane, sagen viele, die Meinungsfreiheit wird unterdrückt, da viele Politiker Hauptsponsoren der Medien sind (auf dem Fernseher wird mehr Schrott gesendet als bei uns in Deutschland, falls das möglich ist), Probleme werden einfach unter den Teppich gekehrt, oder mit Gewalt beseitigt. So gibt es in diesem Land offiziell keine Armut, Strassenkinder, medizinische Unterversorgung geschweige denn Wirtschafts- bzw. Parteiendiktatur etc. Die Kirchen und ihre Vertreter haben zu einem grossen Teil sehr antiquitierte Vorstellungen, denn sie sind entweder auf dem Stand der 30er Jahre oder von der Politik unterwandert. Zum Glück nicht im Posticum. Es ist also wirklich angebracht zu helfen.

 
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Aktuelle Projekte

Ende der Sammelaktion für Schultaschen

Mit dem Beginn der Schulferien neigt sich die Sammelaktion dem Ende zu. Ist eine Freude mitzuteilen, dass in diesem Jahr ca. 300 Schultaschen gesammelt wurden, womit alle Erwartungen übertroffen wurden. Der diesjährige Bedarf von ca. 170 Schultaschen wurde damit bei weitem gedeckt. Der Überschuss an Schultaschen wird für die nächstjährige Durchführung des Projekts zurückgestellt.

Schultaschenprojekt 2010

Auch in diesem Jahr sammelt die Stiftung Posticum Schweiz Schultaschen für Kinder, die in Siebenbürgen im Nordwesten Rumäniens die erste Klasse beginnen. Damit wird ein Beitrag geleistet, damit alle Kinder unter denselben Voraussetzungen in die Schule starten können. Aus diesem Grund ist die Stiftung Posticum Schweiz sehr froh, nicht mehr gebrauchte aber noch funktionsfähige Schultaschen entgegenzunehmen zu dürfen.